Ärztliche Zweitmeinung – Tipps für Patienten

Ärztliche Zweitmeinung Tipps

Update November '17: Neues vom Zweitmeinungsverfahren

Patientenrecht auf ärztliche Zweitmeinung – Worum geht es bei der ärztlichen Zweitmeinung, wie funktioniert sie und worauf sollten Patienten achten?

Neben einer Einführung zum Thema finden Patienten hier Antworten auf die häufigsten Fragen aus fachanwaltlichen Händen. Wir haben uns bemüht, das komplizierte „Gesetzes-/Anwaltsdeutsch“ in eine verständliche Sprache zu übersetzen.


Die Richtlinie zur Einholung einer ärztlichen Zweitmeinung wurde am Ende des Jahres 2015 fertiggestellt. Das Zweitmeinungsverfahren ist daraufhin am 01.01.2016 als Bestandteil des Gesetzes zur Stärkung der Versorgung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Versorgungsstärkungsgesetz, GKV-VSG) in Kraft getreten.

Damit haben Patienten das Recht auf eine ärztliche Zweitmeinung. Behandelnde Ärzte sind zudem zur Aufklärung der Patienten über dieses Recht verpflichtet. Geregelt wurde weiterhin, was zur Zweitmeinung gehört, für welche Eingriffe sie möglich ist, und über welche Qualifikationen zweitmeinungsberechtigte Ärzte verfügen müssen.

Neu: Im Herbst 2017 wurden im "Besonderen Teil" der Zweitmeinungsrichtlinie erste Erkrankungen bzw. Eingriffe spezifisch festglegt (s.u.).


Die Grundlagen der ärztlichen Zweitmeinung

Auf Grundlage des Zweitmeinungsverfahrens haben Versicherte damit das Recht, vor einer geplanten Operation den Eingriff mit einem anderen Arzt in einer Praxis, einem Krankenhaus oder einem medizinischen Versorgungszentrum zu besprechen.

Die ärztliche Zweitmeinung ist geregelt in § 27b SGB V.

Die Voraussetzungen, die gegeben sein müssen, um eine ärztliche Zweitmeinung beanspruchen zu können, sind demgemäß:

  1. Es wurde die Notwendigkeit eines chirurgischen Eingriffs festgestellt bzw. es wurde zu einem chirurgischen Eingriff geraten, der mit gewissen Risiken (Indikationsausweitung) behaftet ist.
  2. Der Versicherte hat einen Anspruch auf unabhängige ärztliche Zweitmeinung. „Unabhängig“ bedeutet: nicht durch den Arzt oder die Einrichtung, durch den/die der Eingriff durchgeführt werden soll.
  3. Der Operateur ist verpflichtet, mindestens 10 Tage vor dem Eingriff den Patienten mündlich und ggf. schriftlich (textunterstützend) über sein Recht auf eine ärztliche Zweitmeinung hinzuweisen. Das beinhaltet auch den Hinweis auf geeignete Mediziner (=Leistungserbringer) zur Einholung der Zweitmeinung.
  4. Informationen über geeignete Leistungserbringer erhält der Versicherte von den Krankenversicherungen.

Konkret bedeutet das Gesetz also:

Vor einer geplanten Operation haben damit Versicherte künftig das Recht, den Eingriff mit einem anderen Arzt in einer Praxis, einem Krankenhaus oder einem medizinischen Versorgungszentrum zu besprechen.

Joachim Laux, Fachanwalt für Medizinrecht und Versicherungsrecht

Wichtige Tipps und Informationen für Patienten zum Zweitmeinungsverfahren

Was sind die Pflichten des erstbehandelnden Arztes?

Der erstbehandelnde Arzt, welcher auch die Indikation stellt, hat die Aufklärungspflicht. Er muss den Patienten auf sein Recht auf Zweitmeinung sowie auf die Informationsangebote der Kassenärztlichen Vereinigung und der Landeskrankenhausgesellschaften hinweisen.

Die Aufklärung muss mündlich erfolgen. Unterlagen in Textform dürfen hinzugezogen werden.

Die Aufklärung sollte so rechtzeitig erfolgen, dass der Patient seine Entscheidung über die Einholung der Zweitmeinung wohl überlegen kann. Der Gesetzgeber sieht als Frist in der Regel mindestens 10 Tage vor dem geplanten Eingriff vor.

Die Aufklärung sollte in der Patientenakte aus Beweissicherungsgründen dokumentiert werden.

Bei welchen Erkrankungen besteht ein Recht auf Zweitmeinung?

Kann das Recht auf Einholung einer Zweitmeinung bei jeder Erkrankung bzw. Indikation geltend gemacht werden?

Die planbaren Eingriffe, für die Patienten das Recht auf Zweitmeinung erhalten, werden nicht auf bestimmte Erkrankungen bzw. Eingriffe eingegrenzt. Stattdessen benennt der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) sie im “Besonderen Teil” der Zweitmeinungsrichtlinie.

Stand November 2017 - Die bisher festgelegten Erkrankungen sind:

  1. Mandeloperationen (Tonsillektomie, Tonsillotomie) - bei allen nicht malignen Erkrankungen der Tonsillen
  2. Gebärmutterentfernungen (Hysterektomien) - bei allen nicht malignen Erkrankungen des Uterus

Der Bundesausschuss nimmt ausdrücklich obige Operationen aufgrund von Tumorerkankungen vom Recht auf Zweitmeinung aus. Grund dafür ist, dass Verzögerungen im Behandlungsablauf sich möglicherweise nachteilig auf das Patientenwohl auswirken könnten.

Der Bundesrat will das Recht auf Zweitmeinung auch auf andere nichtoperative oder risikobehaftete planbare Behandlungen erweitern. Ob er sich damit durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Der G-BA hat sich zudem noch nicht festgelegt, bei welchen OP-Arten eine Zweitmeinung obligatorisch, d.h. unbedingt vorgeschrieben, sein soll. Das ist aber einer der schwierigsten Punkte des ganzen Verfahrens.

Welche Voraussetzungen muss ein Zweitarzt erfüllen?

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat Kriterien für die Leistungserbringer (Ärzte) festgelegt, die zur Abgabe der Zweitmeinung berechtigt sind: Ärzte, die für das Zweitmeinungsverfahren zur Verfügung stehen möchten, benötigen dafür eine Genehmigung ihrer Kassenärztlichen Vereinigung.

Um die Genehmigung zu erhalten, müssen sie folgende Voraussetzungen nachweisen:

  • Die Anerkennung einer Facharztbezeichnung in dem für den Eingriff relevanten Fachgebiet,
  • eine 5-jährige fachärztliche Tätigkeit in einem Fachgebiet, das für die Indikation zum Eingriff maßgeblich ist,
  • die Erfüllung der Fortbildungsverpflichtungen sowie
  • die erteilte Befugnis zur Weiterbildung oder eine akademische Lehrbefugnis.

Potentielle Leistungserbringer können neben zugelassenen und ermächtigten Ärzten, MVZ und ermächtigten Einrichtungen auch zugelassene Krankenhäuser und nicht an der Versorgung teilnehmende Ärzte sein, die nur zu dem Zweck der Zweitmeinung an der Versorgung teilnehmen.

Kann die Zweitmeinung bei jedem Arzt eingeholt werden?

Die Zweitmeinung kann nicht bei einem Arzt oder einer Einrichtung eingeholt werden, durch den oder durch die der Eingriff durchgeführt werden soll. Damit soll die Unabhängigkeit der ärztlichen Zweitmeinung von etwaigen wirtschaftlichen Interessen gegeben sein.

Des weiteren muss der Zweitarzt die oben genannten Voraussetzungen erfüllen.

Wo finden Sie den Zweitarzt?

Zunächst können Sie den Arzt Ihres Vertrauens fragen, ob er Ihnen einen Zweitarzt nennen kann.

Auch Krankenversicherer helfen weiter und vermitteln kooperierende Spezialisten.

Insbesondere im Umfeld der gesetzlichen Krankenkassen existieren zahlreiche kostenlose Angebote zum Einholen einer zweiten Meinung.

Welche Unterlagen müssen Sie zur Zweitmeinung mitbringen?

Laut einem Urteil des Bundesgerichtshofs hat der Patient einen Rechtsanspruch darauf, alle ärztlichen Befunde wie Röntgenaufnahmen und Blutwerte zu bekommen. Damit können Doppeluntersuchungen vermieden werden.

Sie sollten dem Zweitarzt alle Krankenunterlagen vorlegen können, die zu der Diagnose bzw. zu der Operations-Empfehlung geführt haben.

Original oder Kopien? – Wer trägt die Kosten?

Auf die Herausgabe der Originalunterlagen hat der Patient keinen Anspruch, sondern nur auf Kopien, die er aber selbst gegebenenfalls abholen und bezahlen muss.

Was tun bei abweichender Zweitmeinung?

Was können Sie tun, wenn der Zweitarzt einen anderen Befund als der Erstbehandler erhebt bzw. von der Operation abrät?

Grundsätzlich sollte der Patient dies sowohl mit dem erstbehandelnden Arzt offen besprechen können, als auch bei Unsicherheit einen weiteren (dritten) Arzt nach Wunsch konsultieren.

Die Qualität der Befunderhebung der Ärzte in Deutschland ist gut, auch wenn häufig zu schnell und zu teuer operiert wird.

Weitere Angebote von Krankenkassen gesetzlich gestattet

Der Gesetzgeber gestattet den Krankenkassen ausdrücklich über den klassischen Weg der Zweitmeinung hinaus, eine zusätzliche medizinische Beratung anzubieten, um den Patienten bzw. Versicherten die Entscheidung für oder gegen eine Maßnahme zu erleichtern.

So gibt es Krankenkassen, die Beratungszentren oder Telefon-Hotlines für Patienten eingerichtet haben.

Fazit zur ärztlichen Zweitmeinung

Ob und für wen sich das Zweitmeinungsverfahren als Fluch oder Segen herausstellen wird, bleibt abzuwarten.

  • Kritiker befürchten einen Anstieg des Vertrauensverlusts der Patienten gegenüber ihrem Behandler.
  • Viele bleiben zudem skeptisch, wie objektiv eine Zweitmeinung sein kann, wenn sich abends beide Behandler beim Golfen treffen – Schweigepflicht hin oder her. Der Patient ist immer in der schwächeren Position und könnte argwöhnen, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt.
  • Die Qualität der Zweitmeinung wird maßgeblich von der Befundung und Dokumentation sowie des Befundmaterials des Erstbehandlers abhängig sein, weil der Zweitbehandler selbst keine neuen Unterlagen erstellt. Das sehen wir nach unseren Erfahrungen als einen der größten Schwachpunkte des Systems.
  • Vermutlich haben die Krankenkassen ihre Kosten-Nutzenrechnung schon längst gemacht und spekulieren auf weniger Operationen.

Die Krankenkassen selbst hingegen malen ein rosigeres Bild des Zweitmeinungsverfahrens:

  1. Sie sehen in der ärztlichen Zweitmeinung eine Qualitätssicherung.
  2. Durch die Integration von Lebenspartnern oder Familienangehörigen in den Entscheidungsprozess (durch entsprechende Inszenierung durch die Krankenkassen) könnten die Heilungsaussichten gesteigert werden.
  3. Es eröffnet Krankenkassen die Möglichkeit auf innovative, kassenspezifische Entwicklungen.

Vertrauen Sie uns Ihren Fall an, wir helfen Ihnen gern. Die geschulten Mitarbeiterinnen in unserem modern arbeitenden Sekretariat vermitteln flexibel und vertrauensvoll kurzfristige Gesprächstermine und Erstkontakte. Für eine kompetente Rechtsberatung stehen Ihnen u.a. folgende Fachanwälte zur Verfügung:


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